Tagesschau: Woran die Pharmabrance forscht: Schwierige Suche nach Covid-Medikament

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Stand: 25.01.2021 10:45 Uhr

Bislang verläuft die Suche nach wirksamen Medikamenten gegen Covid-19 eher schleppend Рnur wenige Mittel sind schon zugelassen. Doch das könnte sich bald ändern, glauben Experten. Von Notker Blechner, tagesschau.de

Im Fr√ľhjahr 2020 hatte es so ausgesehen, als k√§men einige Corona-Medikamente bald auf den Markt, die schwer erkrankte Covid-19-Patienten heilen k√∂nnten. Doch diese Hoffnung erf√ľllte sich nicht. Die meisten Studien zu Therapien gegen Covid-19 fielen ern√ľchternd aus. Nur ganz wenige Arzneimittel konnten wirkliche therapeutische Vorteile nachweisen.

“Es gibt kein Mittel, das Corona von heute auf morgen ausknipst”, sagt Rolf H√∂mke, Forschungssprecher des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). “Das, was man bislang an zugelassenen Mitteln hat, ist noch nicht bahnbrechend”, gibt er zu.

Kortison-Mittel f√ľr schwer Erkrankte

Als wirksam im Kampf gegen Corona hat sich das Kortison-Mittel Dexamethason erwiesen. Laut einer gro√ü angelegten Studie der Uni Oxford senkt es die Sterberate schwer erkrankter Covid-Patienten um mindestens 25 Prozent. Bei mechanisch beatmeten Patienten verbessert sich die √úberlebenschance um gut ein Drittel. Mehrere Generikahersteller produzieren das Kortison-Medikament. Aspen Pharmacare zum Beispiel stellt Dexamethason-Tabletten in seinem Werk in Bad Oldesloe her. Die europ√§ische Arzneimittelzulassungsbeh√∂rde bef√ľrwortet den Einsatz des Kortison-Mittels bei Covid-19-Patienten.

Allerdings wirkt Dexamethason erst in der sp√§ten Phase der Erkrankung, es d√§mpft das Immunsystem und bremst somit extreme Entz√ľndungsreaktionen. In der Fr√ľhphase der Covid-19-Erkrankung hilft das Pr√§parat nicht, da dann das Immunsystem gest√§rkt werden muss.

Mehrere Hoffnungsträger vor der Zulassung

Solche sogenannten d√§mpfende Immunmodulatoren, die eine √ľberschie√üende Immunreaktion bremsen, k√∂nnten in naher Zukunft vermehrt auf den Markt kommen. Vfa-Sprecher H√∂mke verweist auf mehrere Mittel, die sich in Phase III befinden und die, wenn sich die positiven Zwischenergebnisse best√§tigen, in den n√§chsten Monaten zur Zulassung eingereicht werden k√∂nnten.

Dazu z√§hlen die Arzneimittel MK-7110 von MSD, Leronlimab von CytoDyn und Siltuximab von Eusa Pharma. Auch deutsche Unternehmen sind hier mit im Rennen. Das Jenaer Firma InflaRx pr√ľft in einer Phase II/III-Studie, ob das Mittel Vilobelimab Covid-19-Schwererkrankten helfen kann. Und das deutsch-amerikanische Immunic Therapeutics erprobt seinen Immunmodulator IMU-838 in zwei Phase II-Studien mit station√§r behandelten Corona-Patienten.

Antivirale Medikamente, die urspr√ľnglich gegen Ebola, Grippe, Hepatitis C oder auch SARS entwickelt wurden, erwiesen sich hingegen bisher nur bedingt geeignet f√ľr den Einsatz gegen Covid-19. So scheint das von Gilead gegen Ebola vorgesehene Mittel Remdesivir nicht in allen Krankheitsstadien zu wirken.

Wirkt Remdesivir nur in der Anfangsphase?

Remdesivir war das erste in Europa zugelassene Medikament gegen Corona – wenn auch nur unter Auflagen. Inzwischen wurde es in weltweit in vielen L√§ndern zugelassen, darunter in Japan und den USA. Mehrere klinische Studien kamen zum Ergebnis, dass durch Remdesivir die Genesungszeit von Corona-Patienten um einige Tage verk√ľrzt wurde. Das Mittel hemmt die Vermehrung der Viren und hilft deshalb vorwiegend in der Replikationsphase am Anfang der Covid-19-Erkrankung. In der sp√§ten Erkrankungsphase hatte Remdesivir aber offenbar keinen positiven Effekt mehr. Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die eine gro√ü angelegte Studie bei Tausenden Patienten durchf√ľhrte, r√§t gar vom Einsatz des Medikaments bei¬†Covid-19-Erkrankungen ab.

In wenigen deutschen Kliniken wird Remdesivir in der Replikationsphase als Therapie eingesetzt – und das obwohl die EU gr√∂√üere Mengen Remdesivir bestellt hat. Das RKI empfiehlt, das Mittel m√∂glichst fr√ľhzeitig bis sp√§testens zum siebten Tag nach Symptombeginn anzuwenden.

Im dritten Quartal erzielte Gilead mit dem Mittel einen Umsatz von 873 Millionen Dollar. Die US-Biotech-Firma hat uneigenn√ľtzig mehreren Generikaherstellern die Lizenz f√ľr die Produktion und Vertrieb von Remdesivir in einigen armen L√§ndern der Welt gegeben.

Positive Resultate in einer kleinen Phase III-Studie hat das antivirale Medikament Favipiravir von Fujifilm erzielt, das seit 2014 in Japan als Grippe-Mittel zugelassen ist. Bei Patienten mit Corona, die an Lungenentz√ľndung erkrankten, verschwanden die Symptome etwas fr√ľher. Fujifilm testet das Mittel in √ľber 30 Studien und will eine Zulassungserweiterung in Japan beantragen.

Hydroxychloroquin fällt durch

Nicht bew√§hrt hat sich dagegen das von einigen Politikern hochgelobte Malaria-Mittel Hydroxychloroquin. Laut Pharma-Verband vfa erwies es sich in mehreren Studien mit Patienten als unwirksam, in manchen sogar als nachteilig. Eine zwischenzeitliche Notfallzulassung f√ľr Hydroxychloroquin in den USA wurde wieder aufgehoben.

Trotz gewisser Entt√§uschungen mit den viralen Medikamenten sind Experten zuversichtlich, dass es in den n√§chsten Wochen und Monaten zu einem Durchbruch bei Mitteln gegen Corona kommen k√∂nnte. Als besonders vielversprechend gelten Antik√∂rper-Wirkstoffe. Es sind Pr√§parate mit “kopierten” Antik√∂rpern, die aus dem Blut von genesenen Corona-Patienten extrahiert werden.

Hoffnung auf Antikörper-Wirkstoffe

Von solchen Arzneimitteln hat gerade die Bundesregierung 200.000 Dosen eingekauft. Eingesetzt werden sollen sie zun√§chst in Universit√§ts-Kliniken in Deutschland. Unter anderem geht es um das Mittel Bamlanivimab des Herstellers Eli Lilly, das in den USA eine Notfallzulassung der FDA erhalten hat – f√ľr Corona-Patienten, bei denen ein hohes Risiko f√ľr einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Einer aktuellen Studie zufolge senkt das Antik√∂rper-Medikament von Eli Lilly das Risiko einer Covid-19-Erkrankung bei Pflegeheimbewohnern um 80 Prozent.

Bei dern anderen von der Bundesregierung eingekauften Arznei handelt es sich um das Antik√∂rper-Mittel REGN-COV2 von Regeneron, das ebenfalls eine Notfallzulassung in den USA erhielt. Das Mittel ist eine Kombination von zwei Antik√∂rpern. Es soll Menschen mit leichten oder moderaten Symptomen helfen, die in der Gefahr stehen, schwerer zu erkranken. F√ľr schwere F√§lle ist der Antik√∂rper-Cocktail nicht zugelassen.

Ber√ľhmt wurde das Mittel durch Ex-US-Pr√§sident Donald Trump. Als er an Covid-19 erkrankte, bekam er es verabreicht. Nach seiner Genesung lobte Trump das Mittel als ein “Wunder”, das von Gott komme. Es k√∂nne sein, dass das Medikament f√ľr den positiven Krankheitsverlauf bei Trump verantwortlich sei, sagte US-Chef-Immunologe Anthony Fauci. Als Wundermittel gegen Corona sieht er es aber nicht.

Auch deutsche Experten haben sich bislang zum Regeneron-Mittel zur√ľckhaltend optimistisch ge√§u√üert. “Die Daten sind vielversprechend, aber momentan geht keiner in der Expertengemeinschaft davon das, dass das nun das Medikament ist, dass den Schalter in der Pandemie umlegt und das nun das heilsbringende Medikament ist”, sagte etwa die Virologin Marylyn Addo vom Universit√§tsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der tagesschau.

Viele deutsche Projekte

Die Datenbank Clinical.Trials.gov listet momentan fast 4000 Studien zu Therapien gegen Covid-19 auf. Mehrere deutsche Unternehmen sind an vielversprechenden Projekten beteiligt. Damit einige der Vorhaben es bis zur Zulassung schaffen, stellt das Bundesforschungsministerium mindestens 50 Millionen Euro an Förderung bereit.

Boehringer Ingelheim entwickelt unter anderem mit dem Deutschen Zentrum f√ľr Infektionsforschung ein Mittel, dessen Wirkstoff von einem Antik√∂rper aus Rekonvaleszenten-Plasma abgeleitet ist. Die Berliner Charit√© arbeitet unter anderem mit der Firma Miltenyi Biotec an einem √§hnlichen Projekt. Die T√ľbinger Firma Atriva Therapeutics t√ľftelt an einem Mittel mit dem Namen ATR-002, das die Vermehrung von Coronaviren hemmt und √ľberschie√üende Entz√ľndungsreaktionen unterdr√ľckt.

Mittel, das vor Mutationen sch√ľtzt?

Das M√ľnchner Biotech-Unternehmen Formycon geht einen ganz anderen Weg: Es hat ein Molek√ľl namens FYB207 aus der Kombination eines Antik√∂rperteils und dem menschlichen Protein ACE2 geschaffen. Dieser Blocker verhindert, dass das Coronavirus mit seinem Spike-Protein √ľberhaupt an der menschlichen Zelle mit ihrem ACE2-Rezeptor andocken kann. Mit einer Zulassung des Mittels rechnet Formycon erst Ende 2022. Bis dahin d√ľrften aber viele Menschen schon geimpft sein.

Doch die meisten Medikamente haben einen gro√üen Vorteil gegen√ľber den Impfstoffen: sie verlieren ihre Wirksamkeit nicht, wenn das Coronavirus stark mutiert. Erstaunlich ist nur, dass die Sterblichkeitsrate trotz einj√§hriger Behandlungserfahrung gestiegen ist.

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/corona-medikament-101.html